Erinnerungsformate im öffentlichen Raum
03. Jun 2026
Vom 11. bis 13. Mai 2026 besuchten Studierende des Seminars „Vergangenheitsaufarbeitung im öffentlichen Raum: Gerechtigkeit, Erinnerung und Versöhnung im internationalen Vergleich“ Berlin, um verschiedene Perspektiven auf historische Gewalt, ihre öffentliche Darstellung und die politischen Aushandlungsprozesse über Vergangenheitsaufarbeitung, Erinnerungsformate und Gedenkorte kennen zu lernen. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Frage, was und wie wird erinnert und öffentlich sichtbar gemacht? Welche Leerstellen der Erinnerungsarbeit bestehen immer noch und welche Bedeutung hat dies für gesellschaftliche Versöhnungsprozesse? In Begegnungen mit unterschiedliche Gruppen und Initiativen, die im Bereich Erinnerungskultur, Vergangenheitsaufarbeitung und Versöhnungsprozesse tätig sind, wurde u.a. die Frage nach den politischen Entstehungskontexten der jeweiligen Gedenkorte kritisch reflektiert.
Eine Stadtführung mit decolonize Berlin machte uns auf die vielen kolonialen Spuren im Berliner Stadtbild aufmerksam, die oft übersehen werden oder nicht eingeordnet werden können. Die Löcher in der Erinnerungsarbeit bzw. das mangelnde Engagement der politisch Verantwortlichen, insbesondere Orte der Aktivitäten des deutschen Kolonialismus (wie die Afrikakonferenz bzw. Kongokonferenz 1884/85) zu kennzeichnen und deren Opfer zu würdigen hinterließen Fragen, die die Studierenden im Gespräch mit Vertreter:innen der politisch Verantwortlichen der Senatsverwaltung zur Sprache brachten.
Die Statue der Trostfrauen (Ari) und das Museum der Trostfrauen (MUT) war ein zweiter beeindruckender Ort für die Studierenden. Hier schlossen sich auch Mitglieder des Diözesanverbands Berlin/Brandenburg an. Die Bronzestatuen erinnern an verschiedenen Orten auf der Welt an die (großenteils koreanischen) Opfer der Zwangsprostitution durch das japanische Militär im Zweiten Weltkrieg. Diese meist sehr jungen Frauen werden umgangssprachlich als „Trostfrauen“ bezeichnet.
Eine der Studierenden beschreibt es so: „…Die interaktive Ausstellung richtet sich sowohl an Jugendliche als auch Erwachsene und dokumentiert die Geschichte der Trostfrauen. Insbesondere das jahrelange Schweigen der Betroffenen und der beschwerliche Weg, dieses Schweigen zu brechen, werden thematisiert. Mir kam direkt in den Sinn, dass Kim Hak-Soon wohl so etwas wie die koreanische Giselle Pelicot gewesen sein muss, da auch sie die Meinung vertrat, dass die Scham die Seite wechseln muss. Über die Erinnerung der Vergangenheit hinaus ordnet das Museum das brutale Trostfrauensystem im Zweiten Weltkrieg in die globale Kontinuität sexueller Gewalt ein. Wirklich beeindruckt hat mich am MuT, was für ein genuin schöner Ort für das Erinnern eines schrecklichen Verbrechens geschaffen wurde. Oftmals sind Gedenkstätten und Museen unglaublich bedrückend und sollen das auch sein. Die Enge und Endlosigkeit des Holocaust Mahnmals ist ein exemplarisches Beispiel dafür. … Ich hatte das Gefühl, dass diese Ausstellung die Opfer würdevoll und stark dargestellt hat, statt sie auf ihre Opferrolle zu reduzieren.“
Als Fazit wurden drei Punkte hervorgehoben:
- Erinnerungskultur im öffentlichen Raum ist oft umkämpft und niemals neutral. Sie ist mit politischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen verbunden, d.h. sie ist auch veränderbar.
- Die Fragen: wer erinnert wie, an wen und zu welchem Zweck prägen Erinnerungsorte maßgeblich.
- Es bleibt die Herausforderung, wie Erinnerung gestaltet werden kann, ohne Betroffene erneut auf eine Opferrolle zu reduzieren. Wie können Erinnerungsorte ein würdevolles, partizipatives und kulturell authentisches Erinnern anbieten?
Ich freue mich auf Vorschläge der Studierenden, wie Erinnerungsorte (um-)gestaltet werden können, damit sie auch in Zukunft ein würdevolles, relevantes und aussagekräftiges Gedenken ermöglichen.
Christiane Schwarz
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